{"id":45,"date":"2014-04-04T13:23:46","date_gmt":"2014-04-04T11:23:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.von-dehn.de\/site\/?page_id=45"},"modified":"2023-10-05T22:34:43","modified_gmt":"2023-10-05T20:34:43","slug":"home","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.von-dehn.de\/site\/die-tom-brok\/home\/","title":{"rendered":"Zeitreise &#8211; Erinnerungen an die Ahnenzeit"},"content":{"rendered":"<div id=\"fb-root\"><\/div>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-45-1\" autoplay preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.von-dehn.de\/site\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/16.Su\u0308\u00dfenWein8Y2.m4a?_=1\" \/><a href=\"http:\/\/www.von-dehn.de\/site\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/16.Su\u0308\u00dfenWein8Y2.m4a\">http:\/\/www.von-dehn.de\/site\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/16.Su\u0308\u00dfenWein8Y2.m4a<\/a><\/audio>\n<h5 style=\"text-align: right;\">\u00a0<span style=\"color: #800000;\">\u00a9\u00a0&#8211; Gunda von Dehn: Trinklied &#8222;S\u00fc\u00dfen Wein und Gerstensaft trinken wir&#8230;&#8220;<\/span><\/h5>\n<p>Download der Noten + mp3-Einspielung:\u00a0 &#8222;S\u00fc\u00dfen Wein und Gerstensaft&#8220; unter:<span style=\"color: #ff0000;\"> musicalion.com<\/span><\/p>\n<h2><a href=\"http:\/\/www.von-dehn.de\/site\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/moor-Kopie-1.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\" wp-image-410 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.von-dehn.de\/site\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/moor-Kopie-1.jpg\" alt=\"moor Kopie-1\" width=\"319\" height=\"321\" srcset=\"http:\/\/www.von-dehn.de\/site\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/moor-Kopie-1-66x66.jpg 66w, http:\/\/www.von-dehn.de\/site\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/moor-Kopie-1-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.von-dehn.de\/site\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/moor-Kopie-1.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 319px) 100vw, 319px\" \/><\/a><\/h2>\n<h2><\/h2>\n<h2><span style=\"color: #000080;\"><em><b>Erinnerungen an die Ahnenzeit<\/b><\/em><\/span><\/h2>\n<p><b><i>I<\/i><\/b><i>ch bin Adda tom Brok,<b> <\/b>die Frau des m\u00e4chtigsten H\u00e4uptlings der Krummh\u00f6rn, die Gemahlin von Folkmar Allena von Osterhusen<\/i>.<br \/>\nDer Gedanke zaubert ein L\u00e4cheln auf ihr Gesicht. Die Augenlider noch halbgeschlossen, reckt sich Adda wohlig in ihrem Federbett und ertastet den leeren Platz neben ihr. Schade, dass ihr frisch angetrauter Ehe\u00admann bereits mit den ersten Sonnenstrahlen aufgebrochen ist, um der Deichschau beizuwohnen. Sie hatte ihn gebeten zu bleiben. <i>Schlie\u00dflich findet die Deichschau sechs Mal im Jahr statt.<\/i> <i>Was macht es da schon, sie ein einziges Mal ausfallen zu lassen?<\/i> Als Antwort hatte Folkmar sp\u00f6ttisch die Lippen gesch\u00fcrzt, wie er es immer tat, wenn Adda wieder mal eine v\u00f6llig abwegige Idee hatte. Auch das geliebte Gr\u00fcbchen auf seiner linken Wange konnte nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass er ihrem Dr\u00e4ngen nicht nachgeben w\u00fcrde. Sein Sinn f\u00fcr Pflicht und Verantwortung kam dem ihres Gro\u00dfvaters gleich. Addas Gro\u00dfvater, Keno Hilmerisn\u00ada, h\u00e4tte ihre Worte ebenso br\u00fcsk beiseite gewischt, wie Folkmar es getan hatte &#8211; und doch hatte ihr Gemahl versprochen, vor Sonnenuntergang wieder zur\u00fcck zu sein. Und in seinen freundlichen grauen Augen hatte sein Herz gelegen\u2026<br \/>\nEin leises Ger\u00e4usch l\u00e4sst Adda aufhorchen und lenkt ihre Aufmerksamkeit auf die T\u00fcr.<br \/>\nHima, die Kindsmagd, lugt mit ihrem gutm\u00fctigen Apfelb\u00e4ckchengesicht durch den T\u00fcrspalt. Kaum ist sie \u00fcber die Schwelle getreten, beginnt sie in einem fort zu schwatzen. Ihr Redestrom findet auch kein Ende, als Adda schon lange am Tisch sitzt und die k\u00f6stlichen Pfannkuchen verputzt. Hima erz\u00e4hlt von einem Steinbeil, welches der F\u00e4rber beim Ausheben seiner neuen F\u00e4rbergrube gefunden hat. Witzige Dinge aus ferner Vergangenheit seien zum Vorschein gekommen: kleine Steine, die wie Messer aussehen und noch ganz scharf sind. Damit k\u00f6nne man sogar Leder zertrennen. An dem St\u00fcck von dem zerbrochenen Schaft, das der F\u00e4rber gefunden hat, sei noch eine Speerspitze aus Stein dran festgebunden gewesen. Hima wundert sich: \u201eWitzig, aus Stein. Warum nicht aus Eisen?\u201c<br \/>\nDa Adda darauf nichts erwidert, stellt Hima einen halb zerbrochenen Tonkrug auf den Tisch.<br \/>\n\u201eIgitt! Glaubst du, mich erfreut solch schmutziges, besch\u00e4digtes Zeug? Wo kommt das her?\u201c, schimpft Adda wenig begeistert.<br \/>\n\u201eIm Moor, bei den H\u00fcnengr\u00e4bern haben sie das entdeckt.\u201c<br \/>\nNeugierig wirft Adda einen Blick hinein: \u201eSchau, da sind kleine Knochen drin! Igitt Igitt! Wirf das weg!\u201c<br \/>\n\u201eIn Walle haben sie einen Pflug gefunden.\u201c<br \/>\n\u201eWie sch\u00f6n, dann sollen sie ihn hergeben.\u201c<br \/>\nHima zieht missbilligend eine Augenbraue hoch: \u201eEr ist wohl sehr alt, der Pflug. Der Kaplan hat gesagt, dass er wohl 1000 Jahre alt sein k\u00f6nnte.\u201c<br \/>\n\u201eTausend Jahre! Viel zu alt. Dann darf der Finder ihn behalten, so hat er zwei Pfl\u00fcge.\u201c<br \/>\n\u201eNein, der ist kaputt. Damit kann man nichts anfangen.\u201c<br \/>\n\u201eWarum erz\u00e4hlst du es dann? Wenn es wieder alter Schmuck gewesen w\u00e4re, so wie neulich die goldene Sonnenscheibe! Ja, das ist sch\u00f6n! Aber ein oller Pflug\u2026\u201c<br \/>\nDie Stimme ihres Gro\u00dfvaters l\u00e4sst sie herumfahren: \u201eOh, da ist er ja.\u201c<br \/>\n\u201eWer?\u201c, fragt Adda verst\u00e4ndnislos.<br \/>\n\u201eNa, der Krug. Der Kaplan will ihn haben. Er sagt, dass er aus heidnischer Zeit stammen k\u00f6nnte.\u201c<br \/>\n\u201eAus heidnischer Zeit?\u201c, mischt sich die alte Magd leise in den Wortwechsel von Gro\u00dfvater und Enkelin.<br \/>\n\u201eJa, aus einer Zeit, in der die Kelten hier wohnten. Ihre Priester, die Druiden, konnten in den Sternen lesen, so sagt man\u201c, antwortet Keno geduldig und setzt herausfordernd hinzu: \u201eHeute kann man froh sein, wenn jemand die Schrift lesen kann. Oder kennst du jemanden der heute dazu f\u00e4hig w\u00e4re, die Zukunft mit den Sternen zu deuten, Magd?\u201c<br \/>\nDie Worte treffen Hima bis ins Mark. Sie senkt den Blick mit einer Miene, aus der Demut und Reue sprechen, und schweigt. Als sie nichts erwidert, bohrt Keno weiter: \u201eDu unterl\u00e4sst doch wohl deine heidnischen Hexenk\u00fcnste, Kr\u00e4uterweib?\u201c<br \/>\nHastig versichert sie ihm: \u201eJa, Herr, nat\u00fcrlich Herr.\u201c<br \/>\n\u201eAha\u201c, staunt Adda, die den Krug n\u00e4her in Augenschein genommen hat und ihn jetzt mit spitzen Fingern zur\u00fcck auf den Tisch stellt: \u201cUnd wo wohnten die Kelten?\u201c<br \/>\n\u201eDer Kaplan meint, dass sie in Utengrahove (Engerhafe) gewesen sind, weil es dort einen Bach, B\u00e4ume und einen H\u00fcgel gibt. Die heilige Mutter Erde, heilige B\u00e4ume und frisches, flie\u00dfendes Wasser, das brauchten sie f\u00fcr ihre heidnischen Riten, und in unserem Steinhaus\u2026\u201c<br \/>\n\u201eIn unserem Steinhaus haben sie gewohnt?\u201c, f\u00e4llt Hima ihm entsetzt ins Wort.<br \/>\n\u201eNicht in unserem Steinhaus. Aber da k\u00f6nnte wohl ein keltisches Heiligtum gewesen sein, bevor das Steinhaus gebaut worden ist.\u201c<br \/>\n\u201eWie kommst du darauf, Gro\u00dfvater?\u201c<br \/>\n\u201eWeil im Giebel ein Widder aus Sandstein eingemauert ist, meint Kaplan Embeco. Der Kriegsgott der Kelten war Teutates, der durch den Widder symbolisiert wurde und dieser Teutates wurde sp\u00e4ter, als die R\u00f6mischen S\u00f6ldner hier gehaust haben, zu Mars, dem Kriegsgott der R\u00f6mer. So ist das, sagt Embeco. Und \u201aWidder\u2018 nennen wir den Rammbock noch heute.\u201c<br \/>\n\u201eAch, deswegen ist vorn an jedem Rammbock ein Widderkopf\u201c, murmelt Hima selbstvergessen.<br \/>\nKeno nickt: \u201eMein Vater hat mich oft auf seinen Schultern durch das alte Steinhaus von Utengrahove getragen, treppauf, treppab\u2026 Da konnte ich die Steine ganz oben im Gew\u00f6lbe mit den Fingern ber\u00fchren, das war ein ganz besonderes Ereignis. Ich erinnere mich noch gut daran.\u201c In den Augen des alten Mannes blitzt jungenhafter Charme, als er fortf\u00e4hrt: \u201eEs roch modrig und manchmal sa\u00df ein Gefangener unten in dem kleinen Keller.\u201c Kenos Lachen hat etwas Beunruhigendes: \u201eSpannend, was?\u201c<br \/>\n\u201eWie alt ist denn unser Steinhaus, Gro\u00dfvater?\u201c<br \/>\n\u201eAch, wer wei\u00df das? Es war schon alt, als ich noch ein kleiner Bengel war.\u201c<br \/>\nHeftiger Wind heult durch die Burg und die Frauen erstarren, als ein Blitz krachend niederf\u00e4hrt. Der Sturm r\u00fcttelt an den Fenstern. Nach einer Weile fl\u00fcstert Hima: \u201eH\u00f6rt ihr das? Hufschlag klappert \u00fcber das Dach. Das ist Radbod. Vielleicht ist das alte Steinhaus eine Burg von unserem Friesenk\u00f6nig Radbod gewesen und er will sie zur\u00fcck haben? Der Wilde J\u00e4ger macht mir Angst.\u201c<br \/>\nKenos Stimme poltert beinahe noch schlimmer als der Sturm: \u201eKinderkram! Das sind die Schiffe im Hafen, die an ihren Ketten zerren. \u2013 Radbod kommt bestimmt nicht wieder. Der ist begraben auf seiner heiligen Insel Helgoland.\u201c &#8211; Hima atmet auf, als Keno den Faden einige Nuancen leiser wieder aufnimmt: \u201eRadbod, der K\u00f6nig der Friesen\u2026, eigentlich hie\u00df er Redbad, war ein wilder Wikinger, ein D\u00e4nenf\u00fcrst. Radbod wurde damals von den Friesen als Gott verehrt, denn er behauptete, in direkter Linie von Wodan, dem h\u00f6chsten der nordischen G\u00f6tter abzustammen. Wie auch immer, sein Reich ist Legende. Wie gro\u00df es war, wei\u00df man nicht mehr genau. Der Kaplan meint, dass das friesische Reich urspr\u00fcnglich gr\u00f6\u00dfer gewesen ist und weit \u00fcber die Lauwers (Belgien) hinausging, bevor wir von den Franken besiegt wurden. Es gab wohl &#8211; bedingt durch die Eheschlie\u00dfungen der F\u00fcrstenh\u00e4user untereinander &#8211; einen engen Zusammenhalt zwischen Friesen und Sachsen, denn sie k\u00e4mpften oft gemeinsam gegen die Franken. Es gab da einen Herzog Widukind aus Sachsen, der f\u00fchrte (782) in einem gro\u00dfen Aufstand Friesen und Sachsen gemeinsam gegen die Franken. Aber letztlich mussten sich doch alle der massiven fr\u00e4nkischen Kriegsmacht unterwerfen und sich taufen lassen.\u201c Keno seufzte und ein bisschen Wehmut schwang in seiner Stimme, als er fortfuhr: \u201eDer Eroberungskrieg der Franken hat 30 Jahre gedauert, aber letztlich mussten wir gegen die Eroberer und Besatzer unterliegen, denn bei uns gab es kein stehendes Heer. Es waren alles freiwillige Stammesverb\u00e4nde, die sich gewehrt haben. Heute nennen wir Kaiser Karl \u201aden Gro\u00dfen\u2018 (754-814), aber ich wei\u00df nicht recht, ob das wegen seiner K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe so ist, oder wegen seinen \u201agro\u00dfen\u2018 Taten, von denen ich nicht einzusch\u00e4tzen vermag, ob sie wirklich so gro\u00df waren. Jedenfalls haben alle von ihm unterjochten V\u00f6lker die \u201aWohltaten\u2018 Kaiser Karls nicht nur mit viel Blut, sondern auch mit ihrer Eigenst\u00e4ndigkeit bezahlt. Der gro\u00dfe Karl beherrschte in seinem Reich die gallische Bev\u00f6lkerung, alle deutschen St\u00e4mme und den bedeutendsten Teil von Italien. Der Papst st\u00fctzte seine Macht und Karl st\u00fctzte den Papst.<br \/>\nWeil er den enteigneten F\u00fcrsten etwas zur\u00fcckgeben musste, um nicht st\u00e4ndig neue Aufst\u00e4nde zu riskieren, machte Karl sie oder deren Stammhalter zu Bisch\u00f6fen der neu gegr\u00fcndeten Bist\u00fcmer. Die Bisch\u00f6fe von Utrecht, M\u00fcnster und Bremen belehnte er dann mit friesischem Gebiet. H\u00e4ufig war das \u201agro\u00dfz\u00fcgige\u2018 Lehen vorher ihr Eigentum gewesen. Der damals noch \u201aunheilige\u2018 Liudger wurde zum Missionsleiter von Westsachsen berufen (792) und als Bischof von M\u00fcnster belehnt mit dem Westen Frieslands. Dazu geh\u00f6rten Teile jenseits der Ems in der heutigen Grafschaft Holland wie das Humsterland, der Hunsegau, der Fivelgau und der gesamte Emsgau rechts und links der Ems, dazu noch der Federgau und die Insel Bant. Bant muss damals noch ziemlich gro\u00df gewesen sein, nun aber wegen der Abholzung und Abgrabung zur Salzgewinnung schrumpft sie zusammen. Eines Tages wird sie wohl im Meer verschwinden.\u201c Keno lacht ged\u00e4mpft und f\u00e4hrt fort: \u201eDie Wikinger versuchten \u00fcber viele Jahre, ihre verlorenen Gebiete von den Franken zur\u00fcckzuerobern. Lange Zeit ohne Erfolg, aber Kaiser Ludwig der Fromme, der Sohn und Nachfolger von Karl dem Gro\u00dfen, sah sich schlie\u00dflich gezwungen, den d\u00e4nischen Kronpr\u00e4tendenten<b> <\/b>Harald Klak mit R\u00fcstringen,<b> <\/b>dem Land am linken Ufer der unteren Weser zu belehnen.\u201c<br \/>\nAdda kichert und schiebt den Teller von sich: \u201eBedeutet Klak nicht <i>Schmutzfleck<\/i>?\u201c<br \/>\n\u201eJa, genau. Nichtsdestotrotz war Harald Klak (+844) ein Nachkomme aus dem K\u00f6nigshaus von Radbod. Er soll nahe bei Jever auf der Klakburg gelebt haben. Es gibt dort einen doppelten Ringwall. Wir nennen ihn Kleiburg (heute Woltersberg oder auch Haroldesheim genannt). Haralds Nachfolger war sein Sohn, der ber\u00fcchtigte Gottfried. Der war weder gottesf\u00fcrchtig noch friedlich, denn er sah die Friesen als seine Sklaven an. Dieser Gottfried (+873) wurde von Karl dem III. mit ganz Friesland belehnt. Man nannte Karl auch den Dicken oder \u2013 noch schlimmer, aber zutreffend, den Einf\u00e4ltigen. Gottfried bekam au\u00dferdem noch Gisela, die Tochter von Kaiser Lothar, zur Frau. Damit geh\u00f6rte Gottfried zur n\u00e4chsten Verwandtschaft von Karl III. Ha, das war ein B\u00e4rendienst, den der Kaiser dem\u00a0friesischen Volk geleistet hat!\u201c<br \/>\nKeno zieht Addas Teller heran und l\u00e4sst sich einen Pfannkuchen vorlegen. Drau\u00dfen bullert die See.<br \/>\n\u201eDas war wohl eine blutige Zeit. Da haben wir es heute besser\u201c, seufzt Adda und scheucht Hima weg, dem alten H\u00e4uptling Honig und Butter zu holen. \u201eSag, Gro\u00dfvater, haben sie die Friesen wirklich als Sklaven verkauft?\u201c<br \/>\n\u201eDas haben sie. In der Bischofschronik von Utrecht steht es geschrieben und auch im Kodex von R\u00fcstringen: Gottfried zwang die Friesen, einen Strick um den Hals zu tragen, damit er sie jederzeit aufh\u00e4ngen konnte. Du l\u00e4chelst? Du glaubst es nicht? Das h\u00f6rt sich \u201asagenhaft\u2019 an? Glaub es nur, Wicht, mit Sklaven wurde h\u00e4ufig so verfahren, um rasch unterscheiden zu k\u00f6nnen zwischen denen und den eigenen Leuten. So konnte man tats\u00e4chlich \u201akurzen Prozess\u2019 machen, sei es zum Waffendienst, Sklavenverkauf oder eben zur Bestrafung. H\u00e4ufig erhielten Sklaven obendrein ein Brandzeichen. Besonders hochgestellte Pers\u00f6nlichkeiten mussten manchmal sogar ein Joch tragen, daher der Ausdruck \u201aunterjochen\u2018.\u201c<br \/>\nAdda sch\u00fcttelt fassungslos den Kopf, den Becher Milch in der Hand. \u201eUnd? Haben sie sich das gefallen lassen?\u201c<br \/>\n\u201eBlieb ihnen wohl nichts anderes \u00fcbrig. Aber irgendwann schl\u00e4gt das zur\u00fcck\u2026\u201c<br \/>\n\u201eWie meinst du das?\u201c<br \/>\n\u201eNun, als im Jahre des Herrn 884 die Normannen in Friesland einfielen, empfing man sie geb\u00fchrlich. Man wusste in etwa, wann Gottfrieds Leute die <i>Klepsghilde<\/i> einfordern w\u00fcrden.\u201c<br \/>\n\u201eKlepsghilde? Ist das eine Steuer?\u201c, fragt Adda und leert den Becher mit einem Zug.<br \/>\n\u201eJa, Klepsghilde hei\u00dft soviel wie Klappergeld. Das kam so: Die Wikinger hatten eine gro\u00dfen Holzkasten, in den das Geld hineingeworfen werden musste. In einem Nachbarraum sa\u00df der amtliche Steuereintreiber und horchte auf den Klang des Goldes. Wenn er nun meinte, das w\u00e4ren zu wenig Goldst\u00fccke gewesen, dann mussten die Friesen das Doppelte noch einmal bezahlen.\u201c<br \/>\nMit einem bed\u00e4chtigen Nicken fordert Adda ihren Gro\u00dfvater auf, weiter zu erz\u00e4hlen.<br \/>\n\u201eJa, so war das mit der Klepsghilde<i>. &#8211; <\/i>\u00a0Das Eintreiben der Steuer lief immer nach demselben Muster ab. Der Wikingerf\u00fcrst Harald besa\u00df z. B. einen Sitz auf der Insel Walcheren an der Rheinm\u00fcndung. Der Hauptsitz war aber Utrecht, daneben auch die Burg bei Jever. Es gab \u00fcberall verstreute Normannenburgen, so dass die Wikinger \u00fcber Land in einer Tagesreise von einer Burg zur anderen reisen konnten. Der Konrebbersweg, K\u00f6nig Redbads (=Radbod) Weg, von Emden zur nahe gelegenen Burg auf der anderen Emsseite war einer dieser wichtigen Verbindungswege. Bei Tributeinziehung wurden aber wohl \u00fcberwiegend die Wasserwege genutzt. Nat\u00fcrlich blieb es nicht verborgen, wenn die Wikingerscharen sich auf den Weg machten. Man konnte sich also gut darauf vorbereiten. Das bedurfte freilich nicht nur eines guten Nachrichtensystems, sondern auch eines umsichtigen F\u00fchrers, der vor allen Dingen auch die Verh\u00e4ltnisse an den Nordseegestaden kannte.<br \/>\nDie Bev\u00f6lkerungsdichte in Ostfriesland war seinerzeit verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hoch und gewiss haben die Sachsen, insbesondere Graf Gerulf als entmachteter Vogt von Friesland, mit Verst\u00e4rkung nachgeholfen. Graf Gerulf, der seine Vogtei an den Tyrannen Gottfried verloren hatte, war schlie\u00dflich unmittelbarer Nutznie\u00dfer, wenn Gottfried abgesetzt wurde.\u201c<br \/>\n\u201eUnd? Wie geht es weiter? Haben wir gesiegt?\u201c Adda hat ganz rote Ohren vor Aufregung.<br \/>\n\u201eMit \u00fcber 200 Langbooten sollen die Normannen bei Norden angelandet sein. Zehntausend normannische Feinde sollen den Tod gefunden haben. Rechnet man f\u00fcr jedes dieser Langboote 50 Besatzungsmitglieder, dann w\u00e4ren also alle bis auf den letzten Mann niedergemetzelt worden.\u201c<br \/>\nBest\u00fcrzt schnappt Adda nach Luft und wiederholt ehrf\u00fcrchtig: \u201eBis auf den letzten Mann niedergemetzelt.\u201c<br \/>\n\u201eJa, Kleines. Den Sieg \u00fcber die Normannen aber uns hat niemand anders als der liebe Herrgott geschenkt, so lautet die Sage. Denn w\u00e4hrend der Schlacht kniete Bischof Rembert in St. Ludgeri von Norden auf einem Stein und betete so inbr\u00fcnstig um den Sieg, dass Gott ihm ein Zeichen sandte. Das waren seine Knieabdr\u00fccke in dem Stein. &#8211; Das ist der heutige \u2018Warzenstein\u2019, von dem man sagt\u2026 Na, was sagt man davon?\u201c Ein freches L\u00e4cheln umspielt seine Lippen.<br \/>\n\u201eMan sagt, dass das Wasser, das sich in Knieabdr\u00fccken sammelt, heilend auf Warzen wirkt und sie zum Verschwinden bringt.\u201c<br \/>\nKeno ist zufrieden mit seiner Enkelin. Gedankenverloren legt der alte Richter den Kopf schr\u00e4g und schaut aus dem Fenster. Die Luft riecht noch immer nach Regen und aufgew\u00fchlter Erde, aber der Wind hat sich gelegt und das Gewitter ist weitergezogen. Er l\u00e4sst den Kopf auf die andere Seite kippen und erz\u00e4hlt weiter: \u201eKaiser Karl der Dicke \u00fcberwarf sich nach der Schlacht bei Norden mit Gottfried. Der tyrannische D\u00e4nenf\u00fcrst wurde in eine Falle gelockt und von Gerulf, dem Herzog von Sachsen, ermordet (885). Graf Gerulfs Sohn <b>Dietrich <\/b>erhielt sodann die Grafschaft Friesland, die zuvor Gottfried beherrscht hatte und heiratete Prinzessin <b>Ragnhild <\/b>von Friesland, Gottfrieds Tochter. Damit waren die Friesen aus der Sklaverei des Gottfried befreit. Herzog Dietrich war auch Graf im Kennemerland an der Amstel, also der Vorvater der holl\u00e4ndischen Grafen und reichsunmittelbarer F\u00fcrst. Dadurch konnte er pers\u00f6nlich an Reichstagen teilnehmen. &#8211; Von da an war von Heeresfolge und Tributzahlung an die Normannen nicht mehr die Rede.\u201c<br \/>\n\u201eSo ist doch alles gut ausgegangen.\u201c Adda st\u00f6\u00dft einen erleichterten Seufzer aus. Als Keno aufsteht, kratzen die Beine seines Stuhls \u00fcber den Fliesenboden.<br \/>\n\u201eKomm, Adda, lass uns schauen, ob der Reisighaufen f\u00fcr das Sonnwendfeuer gut gestapelt ist.\u201c<br \/>\n\u201eWenn da man nicht alles weggeweht ist\u201c, scherzt Adda und greift \u00fcberm\u00fctig nach Kenos Hand, um ihren Gro\u00dfvater r\u00fcckw\u00e4rts hinter sich herzuziehen. Ihr R\u00fccken prallt gegen etwas festes Weiches: ihren Vater. Erschrocken dreht sie sich um und weicht reum\u00fctig zur\u00fcck. Ihmel tom Brok war nicht gerade f\u00fcr seine Nachsicht bekannt. Kindereien waren Adda streng verboten, aber er r\u00fcgt sie nicht f\u00fcr ihr ungeb\u00fchrliches Verhalten. Stattdessen kn\u00fcpft er an die letzten Worte von seiner Tochter und Keno an: \u201eJa, es ist alles weggeweht, aber sie stapeln schon wieder neu, ist schon fast alles fertig.\u201c<br \/>\nKeno meint, dass das Wetter auch wohl wieder besser wird. Das sp\u00fcre er in seinen Knochen.<br \/>\n\u201eIch trau deinen Knochen zwar nicht, aber das Wetter ist ja schon wieder besser geworden\u201c, ruft Ihmel seinem Vater lachend hinterher, als der den Raum verl\u00e4sst. Adda will ihrem Gro\u00dfvater verstohlen folgen, aber Ihmel legt ihr die Hand auf die Schulter. Einen kurzen Moment \u00fcberlegt sie, ob sie besser fl\u00fcchten sollte, verwirft den Gedanken jedoch wieder.<br \/>\n\u201eAdda, wo willst du hin?\u201c<br \/>\nInnerlich wappnet sie sich schon gegen eine R\u00fcge, doch als sie ihrem Vater ins Gesicht sieht, tritt eine Z\u00e4rtlichkeit in seine Z\u00fcge, von der Adda der Meinung war, sie noch nie vorher an ihm gesehen zu haben.<br \/>\n\u201eIch m\u00f6chte, dass du an meiner Seite reitest, wenn das Feuer angez\u00fcndet wird, du und Folkmar als mein lieber Schwiegersohn.\u201c<br \/>\nSp\u00e4tabends, als es endlich dunkel ist, werden die Pechtonnen entz\u00fcndet, die die Ecken des Festplatzes markieren. Hell lodern ihre Flammen auf zum Sternenhimmel, dessen ultramarinblaue Farbt\u00f6ne an diejenigen des Meeres erinnern. Nur leuchtet der Himmel heute pr\u00e4chtiger als das Meer. Auf der gro\u00dfen Wiese unterhalb der Burg tummelt sich bereits das Jungvolk in fr\u00f6hlichem Reigen. Feierlich singend, Pechfackeln in den H\u00e4nden, schreitet das Burggesinde hinunter zur Festwiese. Keno tom Brok f\u00fchrt hoch zu Ross den Zug an, hinter ihm sein Sohn Ihmel mit Tochter Adda und ihrem Gemahl Folkmar Allena. Sie umrunden den Reisighaufen bis sich der Fackelzug \u2018in den Schwanz bei\u00dft\u2019. Da hebt Keno tom Brok die Hand; die Leute bleiben stehen.<br \/>\n\u201eEala frya Fresena!\u201d, gr\u00fc\u00dft der H\u00e4uptling und laut schwingt das \u201eEala frya Fresena!\u201d &#8211; \u201dOh, freie Friesen!\u201d &#8211; getragen von leichter Windb\u00f6 zur\u00fcck. Ihmels Schimmel t\u00e4nzelt erschrocken zur Seite.<br \/>\nDas Volk dr\u00e4ngt heran an den Kreis der Fackeltr\u00e4ger. Einer der Knechte entz\u00fcndet feierlich das Johannisfeuer. Z\u00f6gernd z\u00fcngeln die Flammen an dem trockenen Reisig empor bis sie sich, entfacht von der lauen Meeresbrise, in gl\u00fchender Gier in den Holzsto\u00df fressen. Junge M\u00e4nner machen sich bereit, mit dem Pattstock \u00fcber das Johannisfeuer zu springen. Funkenspeiend wirft das Feuer seine hei\u00dfe Lohe in den dunklen Himmel. Die Menge schreit auf, begeistert von diesem herrlichen Anblick. Da b\u00e4umt sich j\u00e4h Ihmels Hengst auf. Vergebens fischt der H\u00e4uptling nach den entglittenen Z\u00fcgeln. Seine H\u00e4nde krallen sich in die M\u00e4hne. Zwei, drei Mal steigt der wei\u00dfe Hengst, rast pl\u00f6tzlich in voller Karriere um den Scheiterhaufen herum in die zur\u00fcckweichende Menschenmauer. Schreckensschreie treiben das Tier zur\u00fcck. Es dreht sich auf der Hinterhand, sein Reiter st\u00fcrzt; der Schimmel rast weiter, schleift Ihmel mit sich. Sein Fu\u00df hat sich im Steigb\u00fcgel verfangen. Schrill wiehernd jagt das Pferd auf den Flammenberg zu, rei\u00dft den H\u00e4uptling hinter sich her durch das hohe Gras. Mutige M\u00e4nner springen entschlossen hinzu. Einem der M\u00e4nner gelingt es, sich an den Hals des Pferdes zu klammern, aber das Tier st\u00fcrmt ungebremst weiter.<br \/>\nEin Pfeil schwirrt durch die Luft, bohrt sich in den wei\u00dfen Leib des Hengstes. Dunkel quillt Blut aus der Wunde. Wild b\u00e4umt sich das verletzte Tier auf. Der Mann an seinem Hals verliert den Halt, st\u00fcrzt, rollt sich blitzschnell zur Seite, um den t\u00f6dlichen Hufen zu entgehen. &#8211; Ein Funkenregen geht nieder. &#8211; Das Pferd schie\u00dft vorw\u00e4rts, noch immer den H\u00e4uptling mitschleifend. &#8211; Erneut zischt ein Pfeil von der Sehne, durchschl\u00e4gt den Hals des Hengstes. R\u00f6chelnd st\u00fcrzt das getroffene Tier, begr\u00e4bt Ihmel tom Brok unter sich. Ihmels grauenhafter Schrei \u00fcbert\u00f6nt das Weiberkreischen, das Krachen des Holzsto\u00dfes, die herausgebr\u00fcllten Befehle des alten Keno. In Intervallen schie\u00dft Blut aus dem Pferdehals. Das Pferd schl\u00e4gt wild mit den Hufen, versucht auf die Beine zu kommen, will sich auf den Bauch w\u00e4lzen, aber es gelingt nur halb, so dass es mit voller Wucht zur\u00fcckf\u00e4llt auf Ihmel tom Brok. Grausig gellt sein Schrei in Addas Ohren. Endlich bereitet jemand mit gezieltem Speerwurf dem furchtbaren Todeskampf ein Ende.<\/p>\n<p>Stille &#8211; unheimliche Stille &#8211; kein menschlicher Laut &#8211; kein Nachtvogel &#8211; keine Grille &#8211; nur Knistern, Puffen, Knacken im Scheiterhaufen. \u00dcberst\u00fcrzt rutscht Adda aus dem Sattel, rennt zu ihrem Vater. Verzweifelt versucht sie, den Pferdeleib wegzudr\u00fccken.<br \/>\n\u201eHilft mir denn niemand! Warum hilft mir niemand?!\u201d, schreit sie. \u201eMein Vater liegt da drunter! So helft doch! Vater! Vater! Seht ihr denn nicht?!\u201d<br \/>\nSie deutet mit ihren blutverschmierten H\u00e4nden auf ein Bein, das unnat\u00fcrlich abgewinkelt unter dem Pferd hervorragt. Knechte ziehen Ihmel unter dem Pferd heraus. Blut sickert aus dem Ohr\u2026, seine Augen sind weit aufgerissen. Ein Knecht f\u00e4hrt mit der Hand \u00fcber sein Gesicht. Jemand packt Adda grob am Arm, zieht sie zur\u00fcck.<br \/>\n\u201eKomm, das ist nichts f\u00fcr dich&#8230;, du kannst nichts mehr f\u00fcr ihn tun\u201d, h\u00f6rt Adda eine Stimme sagen. Tr\u00e4nen st\u00fcrzen \u00fcber ihr Ru\u00df verschmiertes Gesicht. \u201eEr schl\u00e4ft\u201d, murmelt Adda. \u201eEr schl\u00e4ft, nicht wahr? Er schl\u00e4ft doch?\u201d &#8211; \u201eJa, f\u00fcr immer, Kind.\u201d<\/p>\n<p>Herr Luippe, Priester der schon etwas bauf\u00e4lligen St. Margaretenkapelle von Dykhusen, notierte den Tod von Ihmel tom Brok, Herr von Brookmerland, im Jahre des Herrn 1372 am Tage der Sommersonnenwende, dem 24. Juni. Ebenso vermerkte er die Heimkehr von Ihmels Bruder, Ritter Ocko tom Brok, aus dem K\u00f6nigreich Neapel und als ganz besonderes Ereignis, die Gr\u00fcndung des Klosters Dykhusen im Jahre des Herrn 1377. Damit einher war seine eigene feierliche Erhebung zum Kaplan gegangen. Das hatte ihm den Entschluss leichter gemacht, zugunsten des Klosters auf seinen Grund und Boden zu verzichten. Luippe erhielt \u00fcberdies etliche Lehen zugesprochen, worauf ihm ein Leben lang Renten zustanden. Hierf\u00fcr \u00fcbernahmen Luiward von Westerhusen und Foelke Kampana die B\u00fcrgschaft. Der neue Deich, der einen Teil des Sielm\u00f6nker Busens zud\u00e4mmte, war gerade fertiggestellt worden. Viel gutes, fruchtbares Land hatte dadurch gewonnen werden k\u00f6nnen. Das neue Kloster wurde gro\u00dfz\u00fcgig damit ausgestattet. Die H\u00e4uptlinge Ocko tom Brok und Folkmar Allena nahmen das Kloster in ihren Schutz und schworen an heiligem Altar, es mit der Sch\u00e4rfe des Schwertes gegen alle ausw\u00e4rtigen Feinde zu verteidigen. Kaplan Luippe wurde die Aufsicht \u00fcber das Nonnenkloster \u00fcbertragen. Das bedeutete gleichzeitig, dass er den Klosterstiftern j\u00e4hrlich Rechenschaft \u00fcber Einnahmen und Ausgaben ablegen musste.<br \/>\nAm Margaretentag, dem 13. Juli des Jahres 1378, wurde das neue Kloster Dykhusen geweiht. Das war ein Fest f\u00fcr das ganze sechste Seeland! Alles was Beine hatte zu laufen, dr\u00e4ngte nach Dykhusen. Mochte auch gerade Heuernte sein, die Weihe des neuen Klosters wollte sich keiner entgehen lassen. So etwas gab es nicht alle Tage zu sehen. Das Fest lockte freilich nicht nur Schaulustige und Gl\u00e4ubige an, sondern ebenso H\u00e4ndler und Gaukler, Musikanten und nicht zuletzt auch zwielichtiges Gesindel. Vor dem neuen Kloster war lediglich eine schmale Gasse zwischen all den St\u00e4nden mit mehr oder minder n\u00fctzlichen Dingen wie Fischsuppe und Tand, Kleintieren und Wahrsagerinnen geblieben, durch die hindurch sich der feierliche Festzug zw\u00e4ngen musste.<\/p>\n<p>An der Spitze der Dominikaner-M\u00f6nche von Norden schritt der Oberste des Konvents, Herr Luippe &#8211; lang und schmal, mit ger\u00f6teten Wangen und ebenso ger\u00f6teter Nase vom vielen Messwein. Es folgten die Augustinerinnen des Klosters Osterrheide am Dollart. Das Kloster hatte vor einiger Zeit ausgedeicht werden m\u00fcssen, weil Sturmfluten die Geb\u00e4ude untersp\u00fclt hatten. Die Nonnen\u00a0 von Osterrheide sollten von nun an das neue Kloster bewohnen. Die Frauen trugen bereits die wei\u00df-wollenen Kutten des Dominikaner-Ordens.<br \/>\nHebe, Foelkes Schwester, war nun zur \u00c4btissin aufgestiegen. Foelke fand, dass Hebe das wei\u00dfe Gewand viel besser zu Gesicht stand als das schwarze der Augustinerinnen. Sie bewunderte offenherzig den Mut ihrer Schwester, die sogar den Orden gewechselt hatte, aber Hebe erkl\u00e4rte abschw\u00e4chend, dass die neuen Ordensregeln denjenigen des Augustiner-Ordens sehr verwandt seien und ihr die Umstellung insofern leicht falle.<\/p>\n<p>Marktger\u00fcche vermischten sich mit dem Duft von Weihrauch. Zwischen wackeligen Buden und Holztischen dr\u00e4ngten sich die Menschen, jubelnd, den Singsang der M\u00f6nche und Nonnen \u00fcbert\u00f6nend. Als der Sendbote des Bischofs Florenz von M\u00fcnster im Ornat des Weihbischofs vor\u00fcberschritt, huldvoll und gn\u00e4dig die Menge segnend, weinten Frauen wie M\u00e4nner, anger\u00fchrt von der Feierlichkeit der Stunde.<br \/>\nDie festlich geschm\u00fcckte Klosterkirche nahm den w\u00fcrdevollen Zug auf. Hunderte von Wachskerzen ergossen ihr gelbes Licht \u00fcber die Fresken, schienen die Heiligenfiguren zum Leben zu erwecken. Tausende von Bl\u00fcten verstr\u00f6mten s\u00fc\u00dfen Honigduft. Wundersch\u00f6ne Blumengebinde schm\u00fcckten die Alt\u00e4re, Girlanden aus Tannengr\u00fcn und Bl\u00fcten wanden sich empor an den zum Himmel strebenden Pfeilern des Gew\u00f6lbes. Die an sich schlichte Klosterkapelle war ausgestattet nach italienischem Vorbild und unverkennbar nach des Ritters W\u00fcnschen gestaltet. In der Apsis prangten sch\u00f6n gemalt die Wappen der Klosterstifter.<br \/>\nBis auf den letzten Platz belegt waren die Ehrenst\u00fchle der Reichen und M\u00e4chtigen des Landes. Deren eichenes Gest\u00fchl, kunstvoll verziert mit Schnitzereien und sogar mit feinem Leder gepolstert, und um Verwechslungen und Streitigkeiten zu vermeiden, geschm\u00fcckt mit dem jeweiligen Familienwappen. Letztlich hatten sie das meiste Geld f\u00fcr den Klosterbau beigesteuert. Also kam es ihnen auch zu, bequem zu sitzen, w\u00e4hrend das gemeine Volk mit Stehpl\u00e4tzen Vorlieb nehmen musste, da die Kirche \u00fcblicherweise nicht mit B\u00e4nken ausgestattet war.<\/p>\n<p>Adda Folkmarsna, inzwischen stolze Mutter, hielt ihre zwei Monate alte Tochter im Arm. Sie war hinreichend damit besch\u00e4ftigt, die kleine Sibbe ruhig zu halten. Dennoch glitt ihr Blick von Zeit zu Zeit zu den Ehrenst\u00fchlen hin\u00fcber, wo Folkmar &#8211; und neben ihm ihr kleiner Sohn Ihmel &#8211; Ehrenpl\u00e4tze zugewiesen bekommen hatten. Klein-Ihmel guckte neugierig mit gro\u00dfen blauen Augen rund um sich her, rutschte unruhig auf dem gro\u00dfen Stuhl herum, erkletterte &#8211; vom Vater unbemerkt &#8211; die R\u00fcckenlehne und w\u00e4re beinahe auf der anderen Seite hinuntergest\u00fcrzt, h\u00e4tte Luiward von Westerhusen ihn nicht im letzten Augenblick noch am Rockzipfel gegriffen. &#8211; Irgendwo gluckerte Gel\u00e4chter. &#8211; Luiward von Westerhusen setzte das zappelnde Kind zur\u00fcck auf den Stuhl. Klein-Ihmel blieb unbeeindruckt von seinem drohenden Zeigefinger. Er rutschte beh\u00e4nde von der Sitzfl\u00e4che hinunter und krabbelte zum Vergn\u00fcgen aller die Stufen zum Altar hoch bis vor die Beine des Weihbischofs, griff in die Falten des Ornats und&#8230; der Bischof lachte, k\u00fcsste Klein-Ihmel, segnete ihn und trug ihn zu seinem Vater zur\u00fcck. Geniert murmelte Folkmar Allena irgendwelche sinnlosen Entschuldigungen. Er behielt seinen Sohn nun auf dem Scho\u00df, aber auch das geriet ihm zur Peinlichkeit, da Ihmel keineswegs gewillt war, ruhig sitzen zu bleiben. Im Gegenteil, fr\u00f6hlich kr\u00e4hend zauste er dem Vater die Haare, k\u00fcsste ihn schmatzend aufs Auge, weil er die Wange verfehlte, zog ihn an den Ohren&#8230; Hilfesuchend schaute Folkmar zu seiner Frau hin\u00fcber. Adda schickte daraufhin mitleidsvoll ihre Magd, den Jungen zu sich zu holen.<\/p>\n<p>Als die Weihe des Chores und der Alt\u00e4re vollzogen war und sich der Gottesdienst seinem Ende n\u00e4herte, forderte der Archidiaconus Frisiae, so der offizielle Titel des bisch\u00f6flichen Sendboten, Ritter Ocko auf, die Eidesformel auf dem Altar niederzulegen.<\/p>\n<p>Erwartungsvolle Stille &#8211; verhaltenes R\u00e4uspern. &#8211; Alle Blicke richteten sich auf Ritter Ocko. Sogar jene, die bisher die herrlichen Fresken und bunten Glasfenster bewundert, die aufwendigen Schnitzereien, den Hochaltar und die Heiligenstatuen studiert hatten, die die Kleider der Frauen und deren \u00fcppigen Schmuck bestaunt hatten, statt der feierlichen Zeremonie zu folgen; sie alle schauten mit einem Male gespannt auf den Ritter. Der erhob sich gelassen, schritt zum Altar. Hell klangen die goldenen Rittersporen auf dem Mosaik des von ihm gestifteten Fu\u00dfbodens. Auf Ockos nachtblauem Samtmantel breitete ein goldgestickter Adler seine Schwingen aus. &#8211; Gemessen wandte Ocko sich zur Gemeinde um, hob die Schwurhand. &#8211; F\u00fcrwahr, er sah aus wie ein F\u00fcrst! Beherrscht das markante Gesicht! Hell und durchdringend die Augen! Jedem einzelnen schien er bis auf den Grund der Seele zu schauen. Leise fast, aber klar und deutlich drang seine Stimme in jeden Winkel der Kirche.<\/p>\n<p>\u201eIch bekenne mich zu dem Glauben\u201d, sagte er und lie\u00df seinen Blick \u00fcber die Menge schweifen, \u201eich bekenne mich zu dem Glauben, dass mich Gottes Vorsehung mit dem Ritterschwerte hat umg\u00fcrten lassen&#8230;\u201d<br \/>\nRitter Ocko blieb nicht verborgen, wie \u00fcber so manches Gesicht ein sp\u00f6ttisches L\u00e4cheln flog. Er wusste, was sie dachten: Sie hielten diesen Ritterschlag von den H\u00e4nden einer Frau f\u00fcr l\u00e4cherlich, allenfalls f\u00fcr die Belohnung, die ihm die K\u00f6nigin von Neapel f\u00fcr&#8230; Liebesdienste hatte zuteil werden lassen. Gerade darum rief er ihnen zu, Gottes Vorsehung habe ihn zum Ritter erhoben! &#8211; Mochten die Schwachk\u00f6pfe dort unten denken, was sie wollten, mochten sie ihm Hochmut anlasten, Eitelkeit vorwerfen, ihn der Anma\u00dfung bezichtigen. Er wollte einen Trennungsstrich ziehen, und damit es auch jedermann verstand, bekannte er noch einmal: \u201eGottes Vorsehung hat mich vor allem deswegen mit dem Ritterschwert umg\u00fcrten lassen, damit ich die Unm\u00fcndigen und Waisen, wie auch die dem g\u00f6ttlichen Dienste geweihten St\u00e4tten sch\u00fctze und sie samt den ihren mit der Sch\u00e4rfe des Schwertes mannhaft gegen alle verteidige, die da trachten, ihnen Unrecht zuzuf\u00fcgen!\u201d So hatte Ritter Ocko zuv\u00f6rderst seine herausragende Position aufgezeigt. Ob er die \u00fcbrigen H\u00e4uptlinge damit in ihre Schranken verwiesen hatte, sollte die Zukunft zeigen.<br \/>\n<b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>U<\/b>nz\u00e4hlige Ereignisse, traurige wie auch gl\u00fcckliche, fanden durch Luippes Feder ihren Weg in den dicken Folianten. Als er verstarb, \u00fcbernahm Hebe, die \u00c4btissin des Dominikaner-Klosters Dykhusen, diese Aufgabe. Tag f\u00fcr Tag, Woche f\u00fcr Woche, Jahr f\u00fcr Jahr f\u00fcllte sie die Seiten mit Leben und Tod.<\/p>\n<p>Nun, nach mehr als einem halben Jahrhundert, wird die \u00c4btissin ihren letzten Eintrag in die Chronik schreiben. Ihre Schultern sind gebeugt, ihre Gelenke schmerzen. Das Alter hat ihr asketisches Antlitz mit tiefen Runen gezeichnet. Hebes Finger gleitet zart \u00fcber die sch\u00f6n gemalten Majuskeln, dann nimmt sie den G\u00e4nsekiel zur Hand:<br \/>\n\u00abViele Erinnerungen habe ich, solche, die meine eigenen sind und solche, die mir erz\u00e4hlt worden sind. Vor vielen Jahrzehnten habe ich begonnen, alles niederzuschreiben. Nun bin ich bald am Ende meines Lebens angelangt. Meine Schwester ist tot, ich bin alt und einsam geworden. Meine Glieder sind krank und schwer, aber einiges will ich noch f\u00fcr die Nachwelt festhalten\u2026\u00bb<br \/>\nF\u00fcr einen Augenblick h\u00e4lt sie inne, dann legt sie die Feder weg. Ihr Blick wandert zum Fenster. Einzelne Sonnenstrahlen dr\u00e4ngen sich durch die dichte Wolkendecke, die Luft ist feucht und riecht nach dem Salz der Nordsee. Nonnen huschen wie Schatten \u00fcber den Klosterhof, der Wind zerrt an ihren Ordensgew\u00e4ndern. Ein Vogel singt sein Lied in der Birke, ein anderer antwortet von fern.<br \/>\n<i>Es waren nicht immer friedliche Zeiten<\/i>, \u00fcberlegt die \u00c4btissin schwerm\u00fctig und bl\u00e4ttert durch die sorgf\u00e4ltig beschriebenen Seiten des Buches, das sie fast ihr ganzes Leben lang begleitet hat. Ehe sie zu lesen beginnt, zieht sie den Kandelaber n\u00e4her heran und nimmt das Vergr\u00f6\u00dferungsglas aus geschliffenem Beryllium zu Hand. Ihre Augen sind schwach geworden. Das Lesen bedeutet gro\u00dfe Anstrengung f\u00fcr sie:<\/p>\n<p align=\"left\">\u00abIch habe leider erleben m\u00fcssen, wie sich aus einem Erbstreit zwischen meinem Schwager, Ritter Ocko tom Brok von Brookmerland und Folkmar Allena von Osterhusen, ein schrecklicher Krieg entwickelte.<\/p>\n<p>Am Ende, nach der Schlacht bei Loppersum im Jahre des Herrn 1379, hatte Ocko die Macht der gegnerischen H\u00e4uptlinge zerschlagen. Er setzte damit den Grundstein f\u00fcr die Herrschaft der tom Brok.<\/p>\n<p align=\"left\">Im selben Jahr hat Ritter Ocko tom Brok das Zisterzienser-Kloster Ihlow, die Scola Dei, unter seinen Schutz genommen und auch das davon abh\u00e4ngige Kloster Meerhusen. Auf Wunsch meiner lieben Schwester Foelke befreite Ritter Ocko unser Kloster von der dr\u00fcckenden Last dem Luippe gegen\u00fcber, der als Entsch\u00e4digung 4 Benefizen in Marienhafe, Aurich, Utengrahove und Hinte von Ocko erhielt.<\/p>\n<p>Bald danach \u00fcbertrug mein Schwager dem Herzog Albrecht von Bayern, Graf von Holland und Herrn von Friesland, seine Besitzungen, um sie als Lehen von ihm zur\u00fcckzuerhalten. Das gefiel manchem nicht, aber jeder wusste auch, dass Ocko keine andere Wahl hatte, denn der Graf hatte jenseits der Ems schon seine Heerscharen gesammelt, bereit seine Rechte mit Gewalt einzufordern. Schon 1389 (alternativ 1391) wurde Ockos Burg in Aurich von Folkmar Allena belagert. Um eine Einigung herbeizuf\u00fchren, verlie\u00df Ocko den Schutz der Burg. Nach erfolgreicher Verhandlung mit Folkmar Allena, wurde er auf dem Heimweg von unbekannter Hand ermordet.<br \/>\nOcko hinterlie\u00df seinem unm\u00fcndigen Sohn Keno die Herrschaft. F\u00fcr ihn \u00fcbernahmen Widzelt Kenisna und meine Schwester Foelke die F\u00fchrung der Staatsgesch\u00e4fte. Foelke war nach dem Tod ihres Gemahls aber so hoffnungslos tr\u00fcbsinnig, dass sie kaum f\u00e4hig war, irgendwelche Staatsgesch\u00e4fte zu t\u00e4tigen. Somit hatte Widzelt Kenisna nahezu freie Hand.\u00bb<br \/>\n<i>Ja<\/i>, denkt Hebe bitter, <i>Widzelt hat das voll ausgekostet.<\/i><\/p>\n<p>In der nachfolgenden Zeit f\u00fchrte Widzelt eine Reihe von Kriegen. Damit erweiterte er den Machtbereich der tom Brok von der Ems bis hin zur Jade. 1396 nahm er sogar die Likedeeler, die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Seer\u00e4uber, in Marienhafe auf. Daraufhin drohte ihm die Hanse mit erbarmungsloser Vergeltung und so entlie\u00df er seine Piraten wieder, obwohl er sie f\u00fcr seine Eroberungen n\u00f6tig gebraucht h\u00e4tte.<br \/>\nHebe versuchte in ihren schriftlichen Aufzeichnungen stets, den Anschein von Neutralit\u00e4t zu wahren, aber ihrer Meinung nach hat Widzelt einen \u00e4u\u00dfert zweifelhaften Charakter gehabt. Nicht einen Finger hatte er ger\u00fchrt, um seine kleine Nichte Ocka zu r\u00e4chen. Es reichte Widzelt, dass Hero Attena und sein Sohn L\u00fctet sich unterwarfen und ihm huldigten.<br \/>\nIn Hebes Mund breitet sich der metallische Geschmack von Verachtung aus. L\u00fctet Attena hatte seine Gemahlin Ocka beschuldigt, ihn zu betr\u00fcgen. F\u00fcr Hebe war das Ganze nur ein Vorwand von ihm, um ungestraft Ockas Mahlschatz einbehalten zu k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich h\u00e4tten L\u00fctet und Hero Attena Ocka auch schlicht versto\u00dfen k\u00f6nnen, ins Kloster stecken, die Ehe annullieren lassen\u2026 aber sie lie\u00dfen Ocka hinrichten. Der Tod durch Steinigung oder die Anwendung des W\u00fcrgepfahls als \u201ahumanere\u2018 Hinrichtungsart waren legitime Strafen f\u00fcr einen Ehebruch &#8211; und doch h\u00e4tte es andere Wege gegeben\u2026 dann h\u00e4tten sie allerdings den wertvollen Mahlschatz von Ocka wieder herausgeben m\u00fcssen. So musste Ocka im Jahre des Herrn 1397 einen grauenhaften Tod erleiden. Dieses schreckliche Ereignis brachte Hebes arme Schwester Foelke an den Rand des Todes. Sie war lange Zeit schwer krank und suchte Trost im Kloster.<br \/>\nHebe erinnert sich lebhaft an die Gespr\u00e4che mit ihrer Schwester, gerade so, als habe Foelke erst gestern neben ihr im Klostergarten gesessen.<br \/>\n<i>Damals habe ich begriffen, dass es das Allerschlimmste auf Erden f\u00fcr eine Mutter ist, ihr Kind zu verlieren, <\/i>\u00fcberlegt Hebe; auch noch heute f\u00fchlt sie mit ihrer Schwester:<i> Ich glaube, dass niemand einer verzweifelten Mutter helfen kann, nicht einmal Gott und das t\u00e4gliche Gebet.<\/i> <i>Manche Wunden verheilen nie&#8230;. <\/i><br \/>\nHebe bekreuzigt sich. Mit einem tiefen Seufzer sch\u00fcttelt sie den Kopf, um die traurige Erinnerung an ihre Schwester zu verscheuchen, aber schon die n\u00e4chste Seite der Chronik bringt eine weitere b\u00f6se Geschichte ans Licht:<br \/>\n\u00abIm <b>September 1398<\/b> bekam Widzelt seinen ersehnten Lehnbrief von Herzog Albrecht von Bayern, Graf von Holland. Wir alle sind heute noch best\u00fcrzt, ersch\u00fcttert und emp\u00f6rt, denn der Lehnbrief bezeichnet Widzelt als den Sohn von Ritter Ocko und setzt seine Nachkommen als Erben ein. Graf Albrecht hat damit meinen Neffen Keno aus der Erbfolge getilgt.\u00bb<\/p>\n<p>Das war ein weiterer schwerer Schlag f\u00fcr Hebes liebe Schwester, die wieder einmal Trost bei ihr im Kloster suchte. Sie beklagte sich bei Hebe, aber die konnte ihr auch nicht helfen. Niemand konnte ihr helfen.<br \/>\n\u201eMein Keno ist der Erbe! Er ist Ockos Sohn und der legitime Erbe &#8211; nicht Widzelt Kenisna. Welch sch\u00e4biger Winkelzug! Der Graf hat uns enterbt und rechtlos gemacht!\u201c, schluchzte sie. \u201eWidzelt Kenisna ist weder Kenos Bruder noch sein Halbbruder. Er ist Kenos Oheim! Du wei\u00dft es und jeder andere in unseren Landen wei\u00df es und aus diesem Grunde tragen Widzelts M\u00fcnzen den Namen <i>\u201aWidzaldi Kenisna<\/i>\u2018 und nicht \u201aWidzaldi Ockonis\u2018! Widzelts Vatername ist \u201aKeno\u2019. Auch Graf Albrecht von Holland wei\u00df das, denn er hat die M\u00fcnzpr\u00e4gung genehmigt.\u201c\u00a0 Das war zutreffend.<i> \u201aWidzaldi Kenisna\u2019,<\/i> so stand es in der Legende. &#8211; Widzelt, Sohn des Keno (I.), hie\u00df das. &#8211; Jeder wusste, dass der Wendische M\u00fcnzverein pflichtgem\u00e4\u00df Namen und M\u00fcnzrecht strengstens pr\u00fcfte. H\u00e4tte er als Vaternamen \u201aOckonis\u2018 angegeben, so bestand die M\u00f6glichkeit, ihm nicht nur das M\u00fcnzrecht zu entziehen. Es drohten au\u00dferdem auch noch barbarische Strafen, denn das w\u00e4re einer F\u00e4lschung gleichgekommen. Bewiesen es die M\u00fcnzen nicht hinreichend? Widzelt war der Sohn von Keno I., Ritter Ockos Vater! Wir wussten, dass eine Vorsprache beim Grafen sinnlos war. Foelke versuchte es dennoch. Ha, war das ein Reinfall! Am Beispiel seiner eigenen Tochter erkl\u00e4rte ihr der Graf, dass es effektiver sei, die gegenw\u00e4rtige Schw\u00e4che der Attena auszunutzen. Graf Albrechts Tochter Johanna war von den Jagdhunden ihres Gemahls, Kaiser Wenzel, zu Tode gebissen worden. Nat\u00fcrlich war es keine Frage, dass der Luxemburger daf\u00fcr verantwortlich zeichnete, waren es doch seine verh\u00e4tschelten Jagdhunde gewesen. Seine hei\u00df geliebten Hunde, die er mehr liebte als alles andere auf der Welt, die st\u00e4ndig bei ihm waren, mit ihm im Schlafgemach, ja sogar in seinem Bett schliefen\u2026 Indes, Rache hatte Albrecht nicht ge\u00fcbt, jedenfalls nicht so offensichtlich. Er hatte daf\u00fcr gesorgt, dass nun seines Bruders Tochter Sophie des Kaisers Gemahlin wurde. Damit gelangten er und sein Bruder zu gr\u00f6\u00dferer Macht \u00fcber den Kaiser als je zuvor. Wenn das also keine Rache war? Genauso sollte Widzelt handeln\u2026<br \/>\n<i>Genauso? Das ging ja nicht. Widzelt hatte Ockas Schwester Tetta ja schon Sibrand von Loquard zur Ehe versprochen\u2026 Ich sehe ihre Tr\u00e4nen \u2013 Foelke weint \u2026 sie weint ohne Unterlass&#8230; Ich nehme sie in die Arme und f\u00fchle, wie sie bebt&#8230;<\/i><br \/>\nF\u00fcr Foelkes Sohn Keno II. sollte sich trotzdem schon bald darauf alles zum Besseren wenden. Im April<b> <\/b>anno <b>1399<\/b> geriet Widzelt mit dem Abt <b>Fulko <\/b>des Klosters <b>Thedingen<\/b> in einen Streit; zwar eroberte Widzelt das Kloster, kam aber bald danach durch seine Feinde bei Detern ums Leben. Er erstickte in der Kirche zu Detern, die von seinen Feinden in Brand gesetzt worden war. Weil Widzelt keine legitimen Nachkommen hatte, wurde Keno dann doch noch Widzelts Nachfolger.<\/p>\n<p>Obwohl der Abend noch fern ist, wird es dunkel in Hebes Kammer. Der Himmel tr\u00e4gt jetzt einen undurchdringlichen Trauerschleier aus grauen und schwarzen Wolken. Hebe entz\u00fcndet einen Kienspan und eine kleine \u00d6llampe, um weiterlesen zu k\u00f6nnen:<\/p>\n<p>\u00ab1406: Kaplan Almer hat mir berichtet, dass Folkmar Allena ein unr\u00fchmliches Ende nahm. Er wurde auf hinterlistige Art auf dem Abtritt ermordet. Der niedertr\u00e4chtige M\u00f6rder hatte Folkmar in der Kloake aufgelauert und ihm von unten ein Schwert in den Unterleib gerammt. Als Adda ihren Gemahl fand, steckte das Schwert noch in ihm. Dies geschah wohl am 1. September. Der \u00fcbel riechenden Spur des M\u00f6rders konnten die Hunde leicht folgen. Ihmel und Haro, Folkmars S\u00f6hne, haben den Schuldigen zu Tode geschleift.<\/p>\n<p>1410: In diesem Jahr hat uns die Pest heimgesucht. Vielleicht ist es die Strafe Gottes f\u00fcr die vielen Kriege, denn sie nehmen kein Ende. Auch Keno ist wieder hineingezogen worden in die K\u00e4mpfe zwischen Schieringer und Vetkoper im Groningerland. Es ist eine S\u00fcnde, dass sich die Orden der Zisterzienser und Pr\u00e4monstratenser bis aufs Blut hassen und bek\u00e4mpfen. Keno steht auf Seiten der Pr\u00e4monstratenser.<\/p>\n<p>Wir schreiben das Jahr <b>1413<\/b>. Meinem tapferen Neffen ist es gelungen, Emden zu erobern und Probst Hisko Abdena zu vertreiben. Hisko ist nach Groningen entflohen. Durch den Fall Emdens ist in Groningen eine Revolution ausgel\u00f6st worden. Nun wird Keno in weitere Kriegshandlungen gezwungen.<br \/>\nSeinen entscheidenden Sieg erringt mein Neffe <b>1416<\/b> in der Schlacht bei Oxwerderzyl in der N\u00e4he von Nordhorn. Durch Kenos Sieg bei Nordhorn sind aber die Streitigkeiten zwischen Schieringern und Vetkopern nicht beigelegt, da jene, die aus Groningen und Emden vertrieben worden sind, ihre alte Stellung wiedererlangen wollen. So werden sie von neuem Krieg entfachen. Damit wird Keno wieder in die Wirren jenseits der Ems hineingezogen, weil er f\u00fcrchten muss, dass bei einem Sieg der Schieringer eine R\u00fcckf\u00fchrung seines \u00e4rgsten Feindes, Probst Hisko Abdena, nach Emden erfolgen wird.<br \/>\nKeno hat viel erreicht: Das Land zwischen Weser und Lauwers geh\u00f6rt teils zu Groningen, teils ist es der Herrschaft Kenos untertan. Das 6. Seeland zwischen Jade und Ems sowie das 7. Seeland, also R\u00fcstringen, Wangerland und Butjadingerland, hat Keno ebenfalls unterworfen, w\u00e4hrend Focko Ukena als Kenos Lehnsmann das Overledinger-, Moormer- u. Lengenerland innehat.<\/p>\n<p>Am 16. August im Jahre des Herrn<b> 1417<\/b> erliegt Keno einer schrecklichen Kriegsverletzung. Es ist eine Gnade, dass der Herrgott ihn zu sich genommen und von seinen Qualen erl\u00f6st hat, aber wieder ist meine liebe Schwester dem Tode n\u00e4her als dem Leben. Jetzt ist Foelkes Enkel, Ocko II., unser aller H\u00e4uptling. Foelke und Focko Ukena von Neermoor haben die Vormundschaft bis zu Ockos Vollj\u00e4hrigkeit \u00fcbernommen. Sie erneuern f\u00fcr Ocko das B\u00fcndnis mit den Groningern. Die Verhandlungen hier\u00fcber sind am <b>16. August 1417<\/b> zum Abschluss gekommen. Auch Haro Allena, Kenos Neffe und Waffenbruder, ist einer Kriegsverletzung erlegen.\u00bb<\/p>\n<p>Hebe erinnert sich, dass im September desselben Jahres K\u00f6nig Sigismund die \u201aFriesische Freiheit\u2019 best\u00e4tigte. F\u00fcr einige Minuten ist Hebe nicht mehr l\u00e4nger in ihrem Refugium an ihrem Schreibtisch. Vor ihrem geistigen Auge erscheinen die roten Steinw\u00e4nde des Parlatoriums in ihrem Kloster: Kaplan Almer steht vor ihr, seine Ordenstracht schlammbefleckt von der Reise, die faltigen H\u00e4nde ruhen auf dem rundlichen Bauch. Er wirkt ersch\u00f6pft, aber in seinen g\u00fctigen Augen blitzt es wach und eigensinnig. Er sagt, dass der \u201aFreiheitsbrief\u2018 von Karl dem Gro\u00dfen, der K\u00f6nig Sigismund als Urkunde eingereicht wurde, wohl eine F\u00e4lschung sei.<br \/>\n\u201eWieso soll er denn eine Freiheitsurkunde ausstellen, wenn das Wort unter Zeugen vollkommen ausreicht?\u201c, fordert er Hebe heraus, die vielsagend mit den Achseln zuckt, bevor sie sich schlie\u00dflich zu einer Antwort durchringt: \u201eDem K\u00f6nig kommt es wohl gut zu Pass, wenn er direkten Zugriff auf Friesland hat, wo doch die Gefahr besteht, dass England danach greift.\u201c<br \/>\nEr schenkt ihr das warme L\u00e4cheln eines zufriedenen Lehrers: \u201eEs freut mich, dass du nicht so leichtgl\u00e4ubig bist wie die anderen Schafe. Erhaltet dir diese Tugend, meine Tochter.\u201c<br \/>\nNur m\u00fchsam l\u00f6st sich Hebe von den Erinnerungen an den klugen Kaplan Almer und widmet sich dem n\u00e4chsten Eintrag:<br \/>\n\u00ab<b>Anno 1418: <\/b>In der Streitsache zwischen den Vetkopern und den Schieringern (Vetkoper = Pr\u00e4monstratenser \/ Schieringer = Zisterzienser) \u00a0suchen kaiserliche Gesandte zu vermitteln. W\u00e4hrend von den Gemeinden vom Oster- und Westergo die Autorit\u00e4t der k\u00f6niglichen Gesandten anerkannt wird, k\u00fcmmert sich Groningen mit seinen Verb\u00fcndeten, Ocko tom Brok II. und Focko Ukena nicht um ihre Bem\u00fchungen. Aus diesem Grunde erkl\u00e4rt der K\u00f6nig \u00fcber sie die Reichsacht. In der Achterkl\u00e4rung vom <b>30. November 1419<\/b> hei\u00dft es, dass \u201a\u2026Ocko ten Brok und seine Helfershelfer es nicht nur gewagt haben, den kaiserlichen Befehlen zu trotzen, sondern auch jene, die dem K\u00f6nig Gehorsam leisten, mit Krieg arg bedr\u00e4ngen\u2018.\u00bb<br \/>\n<i>Das ist wahr<\/i>, sinniert Hebe wehm\u00fctig, <i>Ocko war zum Erfolg verdammt. H\u00e4tte er nicht gesiegt, dann w\u00e4re er untergegangen. Aber Ocko und \u201aseine Helfershelfer\u2019, im Besonderen Focko Ukena, haben gesiegt: die Schieringer wurden damals so in die Enge getrieben, dass sie um Frieden betteln mussten.\u00a0\u00a0 <\/i><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p>Als Hebe die Seite umbl\u00e4ttert, muss sie einen Moment innehalten, um Atem zu sch\u00f6pfen und den aufsteigenden Kummer zu vertreiben. Sie wei\u00df nur zu genau, was der n\u00e4chste Absatz beinhaltet. Sie will nicht weiterlesen, aber es ist, als ob eine unsichtbare Macht sie dazu zwingt:<br \/>\n\u00ab<b>Anno<\/b> <b>1419<\/b>: Meine liebe Schwester ist in diesem Jahr ins Himmelreich eingegangen; daran glaube ich von ganzem Herzen. Foelke hat ihr letztes Lebensjahr auf der Burg Hinte verbracht. Sie war eine leidgepr\u00fcfte Frau. Mehr Leid kann ein Weib nicht tragen, als sie es tun musste. Von Kenos Tod hat sie sich zuletzt nie wieder richtig erholt. Es ist gut, dass der Herr sie zu sich gerufen hat. M\u00f6ge ihre Seele ewigen Frieden finden. Amen.\u00bb<\/p>\n<p>Hebes Trauer um den Tod ihrer geliebten Schwester wird immer noch \u00fcberschattet von der Erbitterung \u00fcber die Verleumdungen, die \u00fcber Foelke verbreitet wurden, sobald ihr Grab mit Erde gef\u00fcllt war. Foelke hatte sich gew\u00fcnscht, dass ihr Herz bei ihrer geliebten Tochter Ocka begraben wird und ihr Leib auf der Begr\u00e4bnisst\u00e4tte der Olde Borg.\u00a0 Man fl\u00fcstert hinter vorgehaltener Hand, dass ihr Sarg auf einem schwarz verh\u00fcllten Schiff direkt nach Island gefahren und von einem feuerspeienden Vulkan verschlungen worden sei. Seitdem wird sie die \u201aQuade Foelke\u2018 genannt.<br \/>\nHebe wei\u00df, dass ihre Schwester nicht b\u00f6se gewesen ist und sie wei\u00df auch, dass Foelke in geweihter Erde ihre letzte Ruhe gefunden hat. F\u00fcr Hebe ist dieses Ger\u00fccht nicht ganz so r\u00e4tselhaft wie f\u00fcr andere Leute: Nicht zum vulkanischen \u201aEisland\u2019 f\u00fchrte Foelkes letzte Reise, sondern zum Eiland des Pr\u00e4monstratenser-Klosters auf der Insel Aland und von dort weiter zur Olde Borg.<br \/>\nFoelke hatte Kirchen und Kl\u00f6ster reich beschenkt und auch selbst Wallfahrten unternommen. Die Leute behaupten, sie habe ihre beiden Neffen im Verlie\u00df verhungern lassen &#8211; nicht nur f\u00fcr Hebe ist das eine niedertr\u00e4chtige L\u00fcge. Ebenso versucht man, Foelke die Hinrichtung von L\u00fctet Attena und dessen Vater Hero als Gr\u00e4ueltat anzuh\u00e4ngen. Gewiss, sie hatten gemeinsam Foelkes Tochter Ocka erschlagen, dennoch hatte Foelke mit ihrer Hinrichtung nichts zu tun. Keno II, Ockas Bruder, war es, der im Jahre 1410 die beiden M\u00f6rder dem Henker \u00fcberantwortete, weil sie verbotenerweise Piraten aufgenommen und f\u00fcr ihre Zwecke genutzt hatten. Eine v\u00f6llig legitime und angemessene Strafe f\u00fcr ihre Missetaten.<br \/>\nHebe schlie\u00dft die Augen, die H\u00e4nde zum Gebet gefaltet. Nach einer Weile schwinden Trauer und Bitternis aus ihren Gedanken, als w\u00fcrde Rauch durch ein offenes Fenster ziehen. Hebe \u00f6ffnet die Augenlider, blinzelt die Tr\u00e4nen weg und beugt sich wieder \u00fcber das gro\u00dfe Buch:<\/p>\n<p>\u00abAnno 1420: In unseren Landen w\u00fctet erneut die Pest. Wieder Leichen ohne Zahl. Die Menschen fliehen aus den St\u00e4dten aufs Land. Aber wo sich verstecken? Wie sich retten? Es gibt keine Zuflucht. Fieber werfen die Stolzen wie die Armen nieder. Uns bleibt nur das Gebet.<\/p>\n<p>Frohe Kunde erreichte uns von Foelkes Enkelsohn. Ich bedaure sehr, dass meine liebe Schwester Foelke das nicht mehr erleben konnte. Ihr Enkelsohn Ocko II. hat die Grafentochter Ingeborg von Oldenburg und Delmenhorst geehelicht. Ich w\u00fcnsche Ihnen Liebe und Gottes Segen!<\/p>\n<p>Im selben Jahr hat Ocko mit Sibbet Papinga von R\u00fcstringen einen Pakt geschlossen. Sibbet Papinga hat Tetta, Ockos Tante, zur Ehe genommen, obwohl er mit seinen 24 Lenzen ein Gro\u00dfteil j\u00fcnger ist als Tetta. Sie hat bereits einen Mann im Kriege verloren &#8211; Brunger von Visquard -, aber sie scheint Sibbet Papinga sehr zugetan zu sein. Tetta und Sibbet haben meine besten W\u00fcnsche, auch wenn ich bef\u00fcrchte, dass es Konflikte geben wird. Ocko hat Sibbet Papinga gezwungen, \u00d6stringen und Wangerland an ihn abzutreten. Das kam Sibbet bitter, denn es war das Erbe seines Gro\u00dfvaters, das er vor 4 Jahren angetreten hatte. Aber da Sibbet Tetta geheiratet hat, konnte Ocko ihn als seinen Lehnsmann im 7. Seeland einsetzen. Ocko ist es durch geschickte Kriegsf\u00fchrung gelungen, seine Widersacher in die Knie zu zwingen und seinen Machtbereich auszudehnen:<i> <\/i>Im Westen die Lauwers &#8211; im Osten die Weser! Trotz seiner Jugend ist Ocko ein kluger und umsichtiger H\u00e4uptling und Kriegsherr.\u00bb<\/p>\n<p><i>Er ist von allen als der gegebene F\u00fchrer anerkannt<\/i>, denkt Hebe &#8211; nicht ganz ohne Stolz &#8211; als sie weiterliest:<br \/>\n\u00ab<b>Anno 1424:<\/b> Ocko und Sibbet Papinga haben mit 120 Schiffen und 4000 Mann einen Kriegszug nach Butjadingen unternommen, um die Bremer zu vertreiben. Das Vorhaben ist ihnen gelungen. Als Ocko Bremen selbst bedrohte, gerieten die Bremer in Angst und Schrecken und schalteten L\u00fcbeck und Hamburg zur Vermittlung ein. Es wurde daraufhin eine Tagfahrt nach Oldenburg (Liv.- Est- u. Kurl\u00e4nd. Urk. Buch VII 137, 141, 169) bestimmt. F\u00fcr die Stadt Bremen war der Friede schmerzhaft, denn sie musste auf jedwede Anspr\u00fcche auf friesisches Gebiet verzichten. Die vertriebenen H\u00e4uptlinge der Butjadinger Friesen wurden nicht wieder eingesetzt, denn die Bev\u00f6lkerung soll fortan ihre 16 Richter wieder selber w\u00e4hlen k\u00f6nnen. Sibbet Papinga konnte es sich aber nicht gefallen lassen, dass man ihn seines Erbes beraubte. Sein verstorbener Vater hatte in Burhave solch eine \u00fcberragende Machtposition gehabt, dass man ihn sogar in Bremen kurzweg nur den \u201aH\u00e4uptling der Butjadinger Friesen\u2018 genannt hatte.<br \/>\n<b>Anno 1425:<\/b> Wir haben in diesem Jahr wieder eine gro\u00dfe Freude erlebt. Schade, dass Foelke nicht mehr unter uns weilt: Ockas Tochter, Foelkes Enkelin Hebe Attena von Norden, hat Uko von Oldersum geheiratet, den Sohn von Focko Ukena. Ich glaube, nun wird mit Gottes Segen alles zum Besten erbl\u00fchen.<\/p>\n<p>Focko Ukenas Sohn Udo l\u00e4sst von Norden aus einen neuen Deich nach Osteel ziehen.<br \/>\n<b>1426:<\/b> Es ist Fr\u00fchling. Ich habe mich wohl geirrt, wenn ich im vergangenen Jahr geglaubt habe, alles wird sich zum Besten wenden, denn ich h\u00f6rte, dass Sibbet Papinga \u00d6stringen und Wangerland von Ocko zur\u00fcckfordert. Das meiste Land steht noch unter Wasser, so dass Sibbet noch nicht vorr\u00fccken kann, aber er nennt sich bereits wieder H\u00e4uptling von \u00d6stringen und sammelt Gef\u00e4hrten. Aufgestachelt wurde Sibbet von Focko Ukena, der mit Ocko unzufrieden ist. Die Verbindung entstand nach dem Tod von Tetta durch die Verm\u00e4hlung von Sibbet mit Focko Ukenas Tochter Amke. Es hat den Anschein, als ob Focko Ukena jeden H\u00e4uptling von Ostfriesland gegen Ocko aufbringen will.<br \/>\nDer Grund ist einfach: Es ist offenkundig geworden, dass Ocko beim K\u00f6nig nachgesucht hat, sein Land in eine Grafschaft umzuwandeln. Ockos gr\u00e4fliche Verwandtschaft hat ihn dazu ermutigt, der Graf von Oldenburg-Delmenhorst ebenso wie der Erzbischof von Bremen, und Ingeborg, als Grafentochter, s\u00e4he es auch nicht ungern, wenn ihr Gemahl zum Grafen aufsteigen w\u00fcrde. Ich sehe, dass diese Ma\u00dfnahme dringend notwendig ist, um den Frieden zu erhalten und Ockos Stellung zu festigen. Viele andere aber sehen das nicht so und f\u00fchlen sich bedroht. Vermutlich wird sich Ockos Begehren ohnehin als unerf\u00fcllbar erweisen, weil die \u201aFriesische Freiheit\u2018 dies nicht zul\u00e4sst, obgleich dieser Vertrag weder von Ocko, noch von einem seiner damaligen Vorm\u00fcnder, denn er war ja zu jener Zeit noch minderj\u00e4hrig, unterschrieben worden ist.<\/p>\n<p><b>September 1426:<\/b> Focko Ukena, der Mann, der einen sehr gro\u00dfen Anteil an der Machtentfaltung des Hauses \u2018tom Brok\u2019 hat, wendet sich endg\u00fcltig gegen meinen Gro\u00dfneffen Ocko und belagert seine Burg in Aurich. Kaplan Almer hat mir gesagt, dass Graf Dietrich von Oldenburg 400 Mann zu Fu\u00df und 600 zu Pferde als Entsatz schicken will. Aber das Wetter ist schlecht und so f\u00fcrchte ich, dass man Ocko nicht zu Hilfe eilen, sondern sich aufs Pl\u00fcndern verlegen wird.<\/p>\n<p><b>27. September 1426:<\/b> Wie ich h\u00f6rte, ist Graf Dietrichs Hauptmann tats\u00e4chlich nicht bis nach Aurich vorgedrungen. Trotzdem hat er eine schmerzliche Niederlage erlitten. Der R\u00fcckweg des Heeres f\u00fchrte \u00fcber einen Damm durchs Moor zwischen Detern und Apen. Der Tross kam gl\u00fccklich hin\u00fcber. W\u00e4hrend der Heereswurm noch auf dem Damm war, erschien pl\u00f6tzlich Focko Ukena an der Flanke mit nur 50 Mann. Sie fielen die Kolonne an. Bar jeglicher F\u00fchrung entstand Panik in Graf Dietrichs zahlenm\u00e4\u00dfig \u00fcberlegenem Heer, so dass sie letztendlich versagten. Focko Ukenas Leute konnten zum Ende hundert M\u00e4nner erschlagen und 190 Gefangene mit in die Heimat bringen.<br \/>\nNun haben Focko Ukena und Sibbet Papinga die Oberherrschaft des Bischofs von M\u00fcnster, Heinrich II. von Moers, anerkannt, um dessen Waffenhilfe gegen Ocko zu erlangen. Das richtet sich ganz offen gegen Ockos Oldenburgische Verwandtschaft. Immerhin ist der Erzbischof von Bremen ein Verwandter von Ockos Gemahlin Ingeborg von Oldenburg-Delmenhorst.<br \/>\nIch kenne meinen Bischof. Heinrich II. von Moers ist ein kluger Mann. Er wei\u00df, dass Nikolaus von Delmenhorst, der Erzbischof von Bremen, es nicht kampflos hinnehmen wird, dass man ihm einen Teil seiner Di\u00f6zese raubt. Drum hat Heinrich von Moers wohl in aller Eile sein marodes Steinhaus unweit der Olde Borg wiederherstellen lassen.<br \/>\nUnter Focko Ukenas F\u00fchrung bildet sich nun das sogenannte \u201aB\u00fcndnis der Freiheit\u2019. Die H\u00e4uptlinge schlie\u00dfen sich gegen Ocko zusammen. Das ist gef\u00e4hrlich f\u00fcr Ocko. Ich f\u00fcrchte um sein Leben.\u00bb<\/p>\n<p>Hebe umklammert die Tischkante so fest, dass ihre Finger schmerzen. \u201eWelch ein Verrat! Welch ein Hohn! Focko Ukena sagte \u201aFreiheit\u2018 und meinte Knechtschaft. Trotzdem schlossen sich fast alle H\u00e4uptlinge gegen Ocko zusammen. Die Menschen sind so dumm\u201c, emp\u00f6rt Hebe sich. \u201eIn ihrer Blindheit konnten sie Focko Ukena nicht durchschauen und Ockos gute Absichten nicht erkennen: Er wollte doch nicht nur seine Stellung, sondern auch den Frieden sichern!\u201c Wut steigt in ihr auf und breitet sich aus, bis ihr der Kopf schmerzt und die Buchstaben vor ihren Augen verschwimmen:<\/p>\n<p>\u00abAnno 1427<b>:<\/b> Am 28. Oktober kam es zur Schlacht bei Upgant auf den Wilden \u00c4ckern. Ocko II. wurde von einer schrecklichen \u00dcbermacht vernichtend geschlagen.<br \/>\nFocko Ukena hat Ocko gefangen genommen und ins Verlie\u00df geworfen.<br \/>\nDie Kennenburg im Brookmerland, man nennt sie auch \u201aOlde Borg\u2018, seit es Ritter Ockos Schloss in Aurich gibt, wurde geschleift. Sie war die gewaltigste<b> <\/b>Wehranlage<b> <\/b>in ganz Ostfriesland. Sibbet hat von Focko Ukena \u00d6stringen und Wittmund f\u00fcr seine verr\u00e4terische Waffenhilfe bekommen.\u00bb<\/p>\n<p>Mit zitternder Hand sucht die \u00c4btissin ein erfreuliches Ereignis in den Aufzeichnungen und atmet erleichtert auf, als sie die Seite vom <b>10. November<\/b> <b>1430<\/b> aufschl\u00e4gt:<br \/>\n\u00abHeute hat sich ein \u201aBund der Freiheit\u2018 gegr\u00fcndet. Mit der Losung \u201afrei und friesisch\u2018 haben sich die ostfriesischen H\u00e4uptlinge unter der F\u00fchrung von Enno Circsena von Greetsiel, einem Onkel von Ocko, gegen Focko Ukena zusammengeschlossen. Sie wissen nun alle, dass Focko Ukena schlechthin der Heger der Seepiraten ist. Man k\u00f6nnte wohl sagen, dass er ihr Hauptmann ist.\u00bb<\/p>\n<p>Hebe ist nicht interessiert an den weiteren Geschehnissen. Sie \u00fcberfliegt den Text:<br \/>\n\u00abK\u00f6nig Sigismund hat Ocko am <b>26. Juli 1431<\/b> in den Freiherrenstand erhoben und ihn f\u00fcr Teile Frieslands zum \u201acapitaneum generalem\u2018 (obersten H\u00e4uptling) ernannt. Gleichzeitig fordert der K\u00f6nig Ockos Untertanen auf, Ocko tom Brok zu gehorchen und beizustehen. Noch befindet sich mein Gro\u00dfneffe Ocko in Ukena&#8216; scher Gefangenschaft, aber es zeichnet sich ab, dass die Zeit des Leidens f\u00fcr ihn bald ein Ende haben wird. Ungl\u00fccklicherweise teilte sein Eheweib Ingeborg von Oldenburg-Delmenhorst diese Hoffnung nicht. Kaplan Almer sagt, dass sie am 14. September oder am 4. November an gebrochenem Herzen gestorben ist. Das Leid hat sie zerm\u00fcrbt, sagt er. Sie habe st\u00e4ndig das Bild von Ockos Martyrium in diesem grauenhaften Verlie\u00df vor Augen gehabt und es nicht ertragen k\u00f6nnen. &#8211; Gott sei ihrer Seele gn\u00e4dig.\u00bb<\/p>\n<p>Weiter unten steht schlie\u00dflich in gro\u00dfen Lettern geschrieben:<br \/>\n\u00ab<b>Anno 1431:<\/b> Endlich ist es geschehen! Ocko ist befreit worden! Focko Ukena musste aus seiner belagerten Burg in Leer nach Appingedam fliehen. Das brachte Ocko die Freiheit zur\u00fcck. Aber er ist schwer krank und scheint trotz seiner Jugend schon vom Tode gezeichnet zu sein.<br \/>\n<b>A<\/b><b>nno 1432:<\/b> Ocko heiratet eine Frau namens Clara. Ich w\u00fcnsche ihnen alles Gl\u00fcck der Erde und Gottes Segen!\u00bb<\/p>\n<p>Jemand klopft an ihre T\u00fcr. Das Ger\u00e4usch rei\u00dft Hebe zur\u00fcck in die Gegenwart. Mit einem Seufzen hebt sie den Kopf, streicht die Falten ihrer Ordenstracht glatt und setzt sich kerzengerade auf, um den unbekannten Besucher zu empfangen. Die T\u00fcr wird ge\u00f6ffnet und ein Priester betritt den Raum, aber als er n\u00e4her kommt erkennt Hebe vertraute Z\u00fcge in seinem blassen Gesicht.<br \/>\n\u201eGelobt sei Jesus Christus, liebe Tante\u201c, gr\u00fc\u00dft er sie herzlich.<br \/>\n\u201eIn Ewigkeit. Amen\u201c, vollendet Hebe den Gru\u00df und setzt mit fr\u00f6hlicher Stimme hinzu: \u201eTirlingus Ockonis! Nett, dass du mich besuchst. Wie geht es in Norden? Und wie geht es Ocko? Ist er wohlauf?\u201c<br \/>\n\u201eIn meiner Pfarrei in Norden ist alles in bester Ordnung.\u201c Seine Antwort ist freundlich, aber er weicht ihrem Blick aus.<br \/>\n\u201eJa, das ist sch\u00f6n.\u201c Hebe sp\u00fcrt schmerzhaft jeden Muskel, w\u00e4hrend sie sehr langsam aufsteht, um dem Schwindelgef\u00fchl zu entgehen. \u201eUnd Ocko? Trinkt er flei\u00dfig den Tee, den ich ihm gegen seine Wassersucht zusammengestellt habe?\u201c<br \/>\nTirlingus schaut sie jetzt unschl\u00fcssig an, aber er schweigt. &#8211; Hebes Gedanken scheinen abzuschweifen. \u201eIch erinnere mich\u201c, sagt sie leise, \u201eich erinnere mich noch\u2026, einmal, ich war noch ganz klein, vielleicht sechs Jahre alt, da hat mein Vater mich auf seinen Schultern in die Kapelle getragen. Maria sah auf mich herab und Tr\u00e4nen funkelten in ihren Augen. Da bekam ich gro\u00dfe Angst, aber mein Vater erkl\u00e4rte mir, dass der K\u00fcnstler das gemacht h\u00e4tte, der die Statue bemalt hatte. Das beruhigte mich, aber anderntags ist mein Vater ermordet worden. Als ich heute Morgen in der Kapelle war, da f\u00fcllten sich die Augen von Jesus Christus mit Tr\u00e4nen\u2026 Tirlingus, sage mir, warum tut er das? Warum weint er? Um wen weint er?\u201c<br \/>\nDer Priester nimmt liebevoll ihre greise Hand und mustert sie, als w\u00fcrden die Antworten darin liegen.<br \/>\n\u201eSchau, dein ist die Weisheit des Alters.\u201c Seine Stimme nimmt einen sanften, beinahe wehm\u00fctigen Klang an: \u201eDu wirst erkennen, um wen Jesus weint.\u201c<br \/>\n\u201eWeint er um meinet Willen? &#8211; Nein, das glaube ich nicht&#8230; Oh Gott!\u201c Sie bekreuzigt sich. \u201eDu meinst Ocko?! Er ist, er ist\u2026 oh mein Gott, er ist tot.\u201c Sie entzieht ihm ihre Hand, bekreuzigt sich wieder.<br \/>\n\u201eJa, das ist er und Clara, seine Frau, mit ihm\u201c, sagt Tirlingus. Seine Stimme klingt heiser und bebt leicht.<br \/>\n\u201eM\u00f6gen sie in Frieden ruhen\u201c, bekundet Hebe leise. Sie fragt nicht, woran sie gestorben sind und warum alle beide gleichzeitig. <i>Ocko war ja sehr krank von der Zeit\u00a0 im Verlie\u00df. Und Klara?<\/i> <i>Vielleicht war es das Brot,<\/i> denkt sie. <i>Viele sind schon gestorben, weil das Brot nicht gut war. <\/i><br \/>\n\u201eJa, sie werden auf unserer Begr\u00e4bnisst\u00e4tte im Kloster von Ihlow beigesetzt\u201c, sagt Tirlingus h\u00f6lzern. \u201eWirst du mit mir kommen? Zur Bestattung, liebe Tante? Es w\u00e4re&#8230; ich w\u00fcrde mich dar\u00fcber freuen.\u201c<br \/>\nHebe nickt stumm. Sie versucht Trauer oder Schmerz im Gesicht des Priesters zu entdecken, ein Zeichen, das sie \u00fcbersehen hat, denn sie wei\u00df, dass er seinen jungen Neffen bewundert und gern gehabt hat. Aber Tirlingus hat von Kindesbeinen an gelernt, sich zu beherrschen. Mit gerunzelter Stirn fragt sie ihn: \u201eUnd? Wirst du nun das schwere Erbe antreten?\u201c<br \/>\n\u201eIch? Nein, ich bin Priester und will es bleiben\u201c, wehrt er ab. \u201eMit Politik habe ich nichts am Hut.\u201c<br \/>\n\u201eManchmal kann man dem Schicksal nicht ausweichen, Junge.\u201c<br \/>\n\u201eOcko hat Enno Circsena auserkoren, das Erbe zu \u00fcbernehmen.\u201c<br \/>\n\u201eSo hat Ocko wahr gemacht, was er mir gesagt hat\u201c, fl\u00fcstert Hebe mild. \u201eEr wusste, dass du dieses schreckliche Erbe verschm\u00e4hen w\u00fcrdest. Gott wei\u00df, wie lange noch ein Krieg den anderen jagen wird.\u201c<br \/>\n\u201eJa, aber die Allena werden w\u00fctend sein und die Verwandten von Faldern nicht minder.\u201c<br \/>\nDie \u00c4btissin nickt: \u201eIch hatte deinem Vater abgeraten, weil in Kriegszeiten besser auf die Allenas zu setzen ist. Die Circsena sind oft zu zaghaft. Aber er meinte, dass er seinem Onkel Enno die Freiheit verdanke.\u201c Sie kehrt zur\u00fcck an ihren Schreibtisch, nimmt still die Feder zur Hand, taucht sie bed\u00e4chtig in das Tintenfass aus gr\u00fcnem Achat und schreibt in zierlichen Buchstaben:<\/p>\n<p>Anno 1435: Clara und Ocko II. sind gestorben. Ockos Erbe ist testamentarisch \u00fcbergegangen auf die Circsena von Greetsiel, weil Ocko keine legitimen Erben hat.<\/p>\n<p>Alle meine Lieben haben dieses Jammertal verlassen. Auch ich m\u00f6chte gehen, denn ich bin m\u00fcde und alt, uralt. Ich werde es nicht mehr erleben, dass Ostfriesland zur Grafschaft erhoben wird. Aber ich wei\u00df, dass die Circsena gar zu gern Grafen werden m\u00f6chten. M\u00f6ge der Herrgott ihrem Streben gewogen sein.<br \/>\nIn dieser Stunde ist mir weh ums Herz. Die frohen Stunden, die mir hier in Dykhusen beschieden waren, sollen mir auch im Himmel eine unvergessliche Erinnerung bleiben. Von Herzen bin ich dankbar.<\/p>\n<p><i>Hebe<\/i><br \/>\n<i>Priorisse von Dykhusen<\/i><br \/>\n<i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wird Tirlingus Ockonis in den Folianten hineinschreiben, dass es Ulrich Circsena gelang, gegen Zahlung von 9000 Gulden von Kaiser Friedrich III. zum Grafen in Ostfriesland erhoben zu werden. Damit wurde ihm Ostfriesland von der Ems bis zur Weser als Lehen \u00fcbertragen. Ganz Ostfriesland bekam er nicht, denn die niederl\u00e4ndische Provinz Groningen, die immer zu Ostfriesland gez\u00e4hlt wurde, erhielt er nicht. Aus diesem Grund hie\u00df er auch nicht Graf von Ostfriesland, sondern Graf in Ostfriesland.<\/p>\n<p>Am 23. M\u00e4rz 1464 fand die feierliche Belehnung in der Gasthauskirche zu Emden statt.<\/p>\n<p>Es ist wohl die Ironie des Schicksals, dass gerade Theda von Rheide, Focko Ukenas Enkeltochter, zur Reichsgr\u00e4fin erhoben worden ist, wo Focko Ukena doch Ocko II. viele Jahre eingekerkert hielt, u. a., weil dieser die Erhebung zum Grafen anstrebte. &#8211;\u00a0 Theda (*1431) stammt aus der Ehe von Hebe Attena und Uko von Oldersum, Focko Ukenas Sohn. Nachdem Hebe und Uko von Oldersum 1425 geheiratet hatten, kam es zwischen Focko Ukena und Ocko II.<i> <\/i>zum Streit wegen der Burg Oldersum, die f\u00fcr beide Seiten von gro\u00dfer Bedeutung war. Das Ganze eskalierte zur Schlacht auf den Wilden \u00c4ckern. Danach wurde Ocko von Focko Ukena gefangen genommen, jahrelang eingekerkert und fast zu Tode gepeinigt, weil er beim K\u00f6nig nachgesucht hatte, das Land in eine Grafschaft umzuwandeln. Die Circsena und die Ukena sind hoffnungslos verfeindet gewesen. Eine Ehe zwischen den gegnerischen Parteien sollte die Auss\u00f6hnung herbeif\u00fchren. Aus diesem Grund hat der Papst damals Dispens erteilt und die Ehe von Ulrich Circsena mit Theda, die noch im S\u00e4uglingsalter gewesen ist, gestattet. \u201eZur Erhaltung von Eintracht und Frieden und zur Vermeidung von Krieg und Zwistigkeiten\u201c, wie es in der Urkunde hei\u00dft. Als Enno Circsena 1450 gestorben war, trat sein Sohn Ulrich (Ulrich\u00a0 = Enkel von Doda tom Brok, der Schwester von Ritter Ocko tom Brok; Theda = Urenkelin von Ritter Ocko tom Brok) \u00a0die Nachfolge an<i> <\/i>und wurde 1454 in den Reichsgrafenstand erhoben. So ist das Haus tom Brok trotz aller Widrigkeiten letztendlich doch noch direkt beteiligt an der Gr\u00fcndung des Grafengeschlechts von Ostfriesland. Wundersam, wie sich die Zeiten wandeln&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 <a href=\"http:\/\/www.von-dehn.de\/site\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Annette-Bremen-11.2016David-Garrett.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"  wp-image-6853 alignleft\" src=\"http:\/\/www.von-dehn.de\/site\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Annette-Bremen-11.2016David-Garrett-242x300.jpg\" alt=\"Annette Bremen 11.2016David Garrett\" width=\"163\" height=\"202\" srcset=\"http:\/\/www.von-dehn.de\/site\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Annette-Bremen-11.2016David-Garrett-242x300.jpg 242w, http:\/\/www.von-dehn.de\/site\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Annette-Bremen-11.2016David-Garrett.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 163px) 100vw, 163px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Die obige Erz\u00e4hlung wurde verfasst und ver\u00f6ffentlicht in der Brosch\u00fcre &#8222;Geschichte er-leben&#8220; Route 900<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">(900 Jahre Geschichte im S\u00fcdbrookmerland) i. A. des Kulturkreises &#8222;tom Brook&#8220; Oldeborg e.V.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong><em><span style=\"color: #993300;\">Hinweis: Roman Chroniken der tom Brook<\/span><\/em><\/strong><\/p>\n<h4><span style=\"color: #800000;\"><span style=\"color: #800000;\">Band I-IV &#8222;Chroniken der tom Brook&#8220; als E-Books bei versch. Anbietern erh\u00e4ltlich<\/span><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\"><a style=\"color: #0000ff;\" href=\"http:\/\/www.hugendubel.de\/de\/ebook\/gunda_von_dehn-chroniken_der_tom_brook-29133974-produkt-details.html\">http:\/\/www.hugendubel.de\/de\/ebook\/gunda_von_dehn-chroniken_der_tom_brook-29133974-produkt-details.html<\/a><\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #800000;\">Band II &#8222;Chroniken der tom Brook&#8220; :<\/span> <span style=\"color: #0000ff;\"><a class=\"moz-txt-link-freetext\" style=\"color: #0000ff;\" href=\"http:\/\/store.kobobooks.com\/de-DE\/ebook\/chroniken-der-tom-brook-1\">http:\/\/store.kobobooks.com\/de-DE\/ebook\/chroniken-der-tom-brook-1<\/a><\/span><\/h4>\n<hr \/>\n<h6>\u00a0Letzte \u00c4nderung 05.10.2023<\/h6>\n<hr \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0\u00a9\u00a0&#8211; Gunda von Dehn: Trinklied &#8222;S\u00fc\u00dfen Wein und Gerstensaft trinken wir&#8230;&#8220; Download der Noten + mp3-Einspielung:\u00a0 &#8222;S\u00fc\u00dfen Wein und Gerstensaft&#8220; unter: musicalion.com Erinnerungen an die Ahnenzeit Ich bin Adda tom Brok, die Frau des m\u00e4chtigsten H\u00e4uptlings der Krummh\u00f6rn, die Gemahlin von Folkmar Allena von Osterhusen. 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